Zeit haben



Hab lange nichts mehr von mir hören lassen. Irgendwie keine Zeit gehabt. „In Afrika keine Zeit haben“, ein Witz? Den Afrikanern gehört doch die Zeit.

Ich sitze in einem kleinen Nest namens „Zorgo“ das an der Straße von Fada nach Ouaga, oder auch vom Niger in den Senegal liegt. Bin schon öfters hier durchgebraust. Heute habe ich angehalten – unfreiwillig, 7 Kilometer von Zorgo. Dem Motor wurde es zu heiß, und da stand ich wie bestellt und nicht abgeholt am Straßenrand mitten im Busch. Die Lastwagen, die ich seit Fada überholt hatte, brausen jetzt an mir vorbei, einer nach dem andren. Die Sonne gibt mir noch circa eineinhalb Stunden, bevor sie verschwindet, das Land in schwarze Dunkelheit taucht und es übergibt an die, denen man Nachts nicht begegnen möchte. Banditenzeit. Ich suche unter der offenen Motorhaube nach irgendwas an diesem Mitshubishi 2.5 Turbo Diesel, das ganz offensichtlich kaputt ist und ebenso einfach wie schnell zu reparieren wäre. Schön wäre zum Beispiel ein Riss im Kühlerschlauch. Klebeband drum, Wasser rein und weiter. Ich muss pinkeln. Oder soll ich es mir doch für den Kühler aufheben? Der ist immer noch so heiß, dass ich mich nicht traue den Deckel zu öffnen. Hab noch ne Flasche Wasser im Auto. Also gehe ich pinkeln. Noch ein Lastwagen braust vorbei. Die Zwei im Führerhäuschen schneiden Grimassen und winken. Ich winke auch. Winken ist immer gut. Die Temperatur des Kühler nähert sich langsam der Umgebungstemperatur. Ich öffne den Deckel, auf dem in allen Sprachen Attention! Atentione! Achtung! Do not open when hot! drauf steht. Der Kühler schein ganz weit unten voll zu sein. Ich kippe mein Trinkwasser hinein. Er verschluckt es als sei es nichts gewesen. Hier gibt es weit und breit aber auch überhaupt nichts nasses. Also wage ich mit gespitzten Ohren einen Startversuch. Anlasser – Batterie - stöhn – jammer. Nichts. Hört sich nicht gesund an. Die Sonne sagt: eine Stunde noch.

Ein Motorradfahrer kommt vorbei. Er schaut mich an, ich schau ihn an, er schaut mich an, ich schau ihn an. Man hat immer in gemischtes Gefühl wenn jemand mitten in der Pampa, alleine am Straßenrand mit offener Haube steht. Könnte eine Falle sein. Aber ein o bonpieno*, ein Weißer als Straßenräuber? Ich deute dem Mopedfahrer an kein Straßenräuber sondern ein Hilfesuchender zu sein. Er kehrt um. Er ist Tierarzt. Schade, dass ich nicht mit dem Esel stehen geblieben bin. Er lacht. Er kennt einen Mechaniker in Zorgo und ruft ihn an. Zum Glück bin innerhalb eines Netzbereichs gestrandet. Der Mechaniker lässt ausrichten er käme sofort. „Sofort“ auf afrikanisch. Der Tierarzt zieht von dannen. Er möchte daheim sein bevor ’s Dunkel wird. Ich habe die Hoffnung aufgegeben das stählerne Pferd aus eigener Kraft wieder zum galoppieren zu bringen. Aus dem Busch kommen zwei Jungs. Sie singen einen Hit, der abends aus den scheppernden Lautsprechern der Bars und Kneipen auf die Straßen dröhnt. –„Hallo der Weiße!“, rufen sie von weitem. – „Hallo ihr Schwarzen!“ Sie lachen und kommen her. Wir grüßen uns und reden kurz. Ich erkläre ihnen, dass ich auf den Mechaniker warte und imitiere ihren Hit. Sie lachen wieder und ziehen weiter. Nette Jungs. Knappe viertel Stunde noch. Ich kann nichts machen. Ich richte meine Taschenlampe her. Plötzlich steht einer der Jungs wieder vor mir. Er reicht mir ein Bündel Grün mit traubenartigen Früchten dran. Ich freue mich so riesig über dieses Geschenk, weil ich einen Bärenhunger habe. Er gibt es mir einfach so. Will gar nichts dafür, einfach so, von Mensch zu Mensch. Ich freue mich wie ein kleines Kind und genieße für einen Moment den Augenblick. Es wird langsam dunkel. Ich bemerke ein Mofa ziemlich zielstrebig auf mich zusteuernd. Sie Umrisse im Halbdunkel lassen einen gut ernährten Mann auf dem Mofa ausmachen. In der linken Hand hält er ein schweres Fäustel. So hatte ich mir den Mechaniker vorgestellt. Ich war dann aber doch positiv überrascht, als er später einen ganzen Satz verschiedener Schraubenschlüssel und Schraubenzieher aus seinen tiefen Hosentaschen zieht und ins Dunkel fallen lässt. Man grüßt sich. – Ca va? - Oui, ca va! Er fragt was war. Ich versuche möglichst detailliert zu erklären. Er steuert sofort auf den Behälter der Scheibenwischanlage zu. Reist ihn förmlich aus seiner Halterung und kippt die Seifenbrühe in den Kühler. Ich soll starten. Rum, rum, rum. „Nicht genügend Kompression“, sagt der Hammer-Mechaniker. Die Zylinderkopfdichtung sei futsch. „Danke“, denke ich. Das ist jedenfalls nicht die Art von Panne, die mich heute noch nach Ouaga bringt. Die Banditenzeit hat seit einiger Zeit eingesetzt und ich erkläre dem Mechaniker nach einigen Telefonaten, dass ich das Auto nach Zorgo schleppen möchte. Er fährt los einen „Abschleppwagen“ holen. Nach einiger Zeit kommt aus der Ferne ein Personenwagen, von dem man nicht weiß, ob er abschleppen soll, oder selbst abgeschleppt werden müsste. Irgendwie bewegt sich der Wagen im Moment jedoch noch aus eigener Kraft und ist somit meinem schicken Pick-Up weit überlegen. Der Taxifahrer erkennt sofort diese Situation seiner Überlegenheit. Ich weiß nicht wo aus dem Dunkel die Schaulustigen kamen, die jetzt hier rumstehn. Oder kamen sie zusammen mit dem Blechhaufen angerollt? Sie stellen mir den Taxifahrer vor, der ohne T-Shirt mit einer Flasche billigen Fusel in der Hand aus seinem beweglichen Untersatz steigt. Ich solle mit ihm verhandeln. Der Taxifahrer schlägt 25.000 CFA vor. Das ist ungefähr der Monatslohn des Kochs, der in Fada für die Priester arbeitet. Ich frage ihn ob er derzeit vielleicht an einer fiebrigen Malaria leide. Die Schaulustigen und er Mechaniker lachen. Das ist gut, dass sie mit dem Weißen sympathisieren, denke ich. Also beginnen wir unsere Verhandlungen. Man muss immer Handeln. Handel zeigt Wertschätzung. Handeln dauert lange. Bei 7.500 lass ich es gut sein. Das ist zwar immer noch mehr als dieser Fahrer seines Buschtaxis an einem Tag verdient, letzten Endes bin ich aber im Moment wirklich nicht gerade von vielen Optionen gesegnet. Ich bin froh, dass wir weiterkommen und wir zuckeln nach Zorgo. Hier sitze ich jetzt in einer „Buffet“, so ein bisschen wie „Out of Rosenheim“ und habe Zeit euch dieses Geschichtlein aufzuschreiben.

Na also, wer sagt‘s denn. Es ist von Zeit zu Zeit auch schön „Zeit zu haben“, ohne dass man sich dagegen wehren kann. Herrlich! - Man kann nichts machen. Nur dasitzen und Zeit haben. Die Sterne schauen auf mich und ich zu ihnen. Das kühle Windlein der Nacht weht mir um die Nase. Das frische Bierchen schmeckt mir gut. Jetzt gehört auch mir ein bisschen die Zeit.



* o bonpieno – der Weiße, auf Gurmantche, wörtlich: Weiße Sache.